23. Dezember 2013

Frohes Fest!

Weihnachten steht mittlerweile ja nicht nur vor den Tür, sondern drängelt sich aggressiv am Türsteher vorbei und stolpert über den Hund.

Deshalb habe ich extra zu den Festtagen die alte Weihnachtsdeko nach mal abgestaubt:

Auch Claude freut sich schon riesig auf Weihnachten und denkt an einen Jutebeutel voller Himbeeren:
Er hat bereits seinen festlichen Weihnachtszylinder aufgesetzt.

Und der Kieler Hafen glüht schon förmlich vor Weihnachtsstimmung:

In dem Sinne wünsche ich allen frohe Feiertage!

8. Dezember 2013

Kindheit

Wir sitzen im Schlafzimmer meiner Eltern auf dem Bett und spielen "Ich sehe was, was du nicht siehst". Es ist düster, da die nach Norden gerichteten Fenster kaum Licht in den Raum lassen. Was immer wir auch sehen (oder eben nicht), es ist rot. Vielleicht eines der großen, roten Kissen, die wir damals hatten. Die waren ganz mit Daunen und Luft gefüllt und bei der ersten Berührung immer kalt und man sank sofort viel zu tief in sie hinein. Die Regeln sind in meiner Erinnerung unklar. Zählen nur Dinge, die im Raum sind, oder auch draußen? Das war jedenfalls häufiges Diskussionsthema. Denn wenn draußen auch zählte und jemand grün sagte, musste man alle Bäume vor dem Fenster einzeln durchraten. Vielleicht auch alle Blätter an einem Baum. Schließlich war jedes einzelne grün. Dabei aßen wir diese Süßigkeit, die ich nach meiner frühen Kindheit niemals wieder gefunden habe. Es waren lange, grüne Kaubonbonschnüre, die nach diesem typischen, künstlich-fruchtigen Kaugummigeschmack schmeckten. Ich wünschte, ich könnte die noch ein mal schmecken.

Es ist Sommer. Mein Vater fährt am Abend zum Melkplatz raus, um die Kühe zu melken. Wie jeden Tag. Mein älterer Bruder und ich kommen mit. Der passend benannte Melktrecker ist uralt und knattert gemächlich den Feldweg entlang. Wenn Papa auf das Gaspedal tritt, stößt der Motor eine große, blaue Abgaswolke aus, die vermutlich nicht gut für die Umwelt, dafür aber hervorragend für das Gemüt von Vorschulkindern ist. Während Papa sich schließlich um die Arbeit kümmert, steht für uns die Erkundung der näheren Umgebung an, in der es allerdings nicht allzu viel zu erkunden mehr gab, da wir sie kannten, wie unsere sprichwörtlichen Westentaschen. Durch einen bewucherten Erdwall vom Wanderweg getrennt fließt ein breiter Graben. Ein großes Betonrohr mündet in ihn, auf dem zwei kleine Kinder bequem Platz haben, sofern sie sich durch das Dickicht aus Gras, Brennnesseln und Kletten wurschteln können. Das Wasser ist klar und gibt den Blick frei auf umherzuckende Insektenlarven und Scharen von Kaulquappen, die kaulen und quappen, wie ihnen der Sinn steht. Kaum dreißig Meter entfernt steht am Weg eine Bank, die erschöpften Wanderern eine Rast anbietet. Daneben alte Eichen. In ihre Rinde ist rostiger Stacheldraht eingewachsen. Mein Bruder klettert in die erste Gabelung. Ich bin dafür noch zu klein.

Winter. Schnee ist gefallen. Immer noch trudeln Flocken leise in Richtung Boden. Beim Frühstück läuft das Radio. Alle warten auf die erlösende Nachricht, dass der Unterricht an den Schulen im Kreis Rendsburg-Eckernförde ausfällt. Sie kommt nicht. Mama fährt uns in den Ort, zur Bushaltestelle, wo wir frierend auf den Schulbus warten und im Schein der Straßenlaternen etwas schneeballieren. Ich habe Schneeballschlachten schon immer gehasst. Seit ich mich erinnern kann. Die eiskalten Hände, die man bekommt, wenn man einen Schneeball formen will. Nasse Handschuhe an klammen Händen. Eine große Hand voll Schnee von hinten in den Kragen gestopft bekommen, weil man schwach ist und sich nicht wehren kann. Elendig. Der Bus kommt. Drinnen ist es warm, die Scheiben sind beschlagen. Es riecht nach nassen Kindern. Langsam quält sich der requirierte Reisebus über Landstraßen und durch Dörfer. Immer weniger Kinder stehen am Straßenrand. Wir spielen "drei gewinnt" in unseren kondensierten Atem an den Fensterscheiben. Der Bus fährt zwei Schulen im Amtsgebiet an. An der ersten angekommen erwartet uns eine Lehrerin. Sie steigt ein und spricht mit dem Busfahrer. Die Schule fällt aus. Schneefrei. Der Bus wendet und fährt uns alle zurück zu unseren Heimathaltestellen. Am Straßenrand, halb im Straßengraben, steht ein Auto. Der Warnblinker ist an. Der Bus hält und der Fahrer steigt aus, um nach dem Rechten zu sehen. Das Auto ist leer, die Insassen bestimmt in Sicherheit. Genug Material für Grundschulkinder, um für den Rest der Fahrt ein Gesprächsthema zu haben. Der Bus kommt schließlich an der Ausgangshaltestelle an. Wir alle steigen aus und gehen mit zu einer Klassenkameradin meines ältesten Bruders, die ganz in der Nähe wohnt. Ihre Eltern rufen unsere Mutter an, die uns abholt. Zu Hause gibt es Kakao.