24. Mai 2014

Rutger

Als ich noch ein Kind war, waren wir mal im Urlaub irgendwo in Süddeutschland. Keine Ahnung, wo genau. Südlich jedenfalls. Als Teil des familiären Kulturprogramms besuchten wir eine Burg. Irgendeine Burg. Ich hatte damals nichts gegen Burgen. Habe ich auch heute nicht. Burgen können in der Tat recht interessant sein. Und damals, als ich noch ein Kind war, bargen die Kanonen auf den Mauern, die Waffenkammer mit Schwertern und Streitkolben, die vielen aufgestellten Ritterrüstungen und die (ganz bestimmt hyperauthentische) Streckbank im Keller, ein faszinierendes Unterhaltungspotential. Mit Wandteppichen, alten Gemälden in leuchtenden Brauntönen und historisch korrekt eingerichteten Wohn- und Schlafzimmern, die man nur durch die Tür beobachten durfte, zurückgehalten von einer roten Samtschnur wie Kühe auf einer Weide, konnte ich damals aber weniger anfangen. Heute schon ein bisschen mehr. Obwohl ich die Schwerter, Rüstungen und Streckbänke immer noch cooler finde.
Nun. Um jedenfalls einmal zum Punkt zu kommen, konnte die Führung, die wir in einer kleinen Gruppe genossen, unmöglich komplett sein, ohne an der wohl größten Attraktion (Die zweitgrößte war ein etwa 1,5 Meter hoher Glasstiefel, aus dem der Burgherr gerne das eine oder andere Bierchen sog, wenn ich da nicht die Burgen meiner Kindheit verwechsle, was aber sehr gut möglich ist.) jener Burg Halt zu machen: Dem Gemälde von irgendeinem vor langer Zeit verstorbenen Adeligen. Das Portrait hing in einem Treppenhaus an der Wand und die Führerin (Haha. Führerin.) berichtete Fröhlich, dass dieses Gemälde ein ganz besonderes sei. Es sei nämlich so, dass die Augen des auf dem Gemälde abgebildeten Mannes einen immer anschauen würden, ganz egal, wo man gerade in Relation zum Bild stand. Stand man direkt davor, so blickten einen die Augen durchdringend an. Lief man daran vorbei, z.B. um einige Zwiebeln aus dem Keller zu holen, so folgte einem der Blick des mysteriösen Mannes auf dem Bild. Vermutlich würde er einen sogar dann anstarren, wenn man wie ein Gecko an der Decke hinge. Zukünftige Generationen würden das sicher erforschen.
So stand ich nun mit meinen (5? 6? Keine Ahnung.) Jahren davor und blickte auf das Gemälde und musste feststellen, dass das nicht stimmte. Der Typ sah mich nicht an. Er starrte einfach ins Leere. Über meinen Kopf hinweg an die Wand. Vermutlich starrte er den Maler an. Damals hatten die nicht viel. Ein Maler war sicher interessant genug, um ihn über längere Zeit hinweg anzustarren. Ich quengelte vermutlich ein bisschen, weil alle anderen, besonders die Erwachsenen, ganz erfreut darüber waren, dass der nette, tote Adelige sie die ganze Zeit anstarrte, mich aber nicht. Meine Eltern versicherten mir, dass er mich sehr wohl anschauen würde. Ich lief ein wenig auf und ab und behielt dabei das Bild von Rutger (So langsam braucht er einen Namen) fest im Blick. Die Augen folgten mir nicht. Es war nur ein Bild. Doch, aber ganz sicher würde Rutger mich anstarren! Ob ich nun nach rechts oder links ginge, völlig egal! Rutgers wache Augen ruhten immer auf mir, das müsse ich doch sehen! Ich sah es nicht. Weil es nicht stimmte. Und so fühlte ich mich ein bisschen schlecht. Weil sie alles es offenbar sehen konnten und nur ich nicht.
Ich weiß bis heute nicht, warum sie mich angelogen haben.

23. Mai 2014

Kleiberman und Heckenbraunellengirl

Vor nicht allzu langer Zeit trat ein neuer Superheld ins Licht der Öffentlichkeit. Wir alle kennen ihn als Kleiberman, der mit seinem Sidekick Heckenbraunellengirl dem Verbrechen im Land den Kampf angesagt hat. Mit "Land" ist hier vor allem das nähere Umland von Bad Segeberg gemeint, da Heckenbraunellengirl noch minderjährig ist und Kleiberman seinen Führerschein nach einer Amokfahrt unter dem Einfluss von starken Pferdebetäubungsmitteln verloren hat und sie somit auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind, um sich dem Bösen zu stellen.
Kleiberman hat bereits mehrfach versucht, das Geld für sein Monatsticket vom Bürgermeister erstattet zu bekommen. Bisher erfolglos.
Während Kleiberman sich noch einige Mühe mit seinem Kostüm gegeben hat, indem er Federn an die Ärmel geklebt hat, damit seine Arme wir Flügel wirken und einen Plastikschnabel von einem billigen Halloweenkostüm vor den Mund bindet, trägt Heckenbraunellengirl nur ein T-Shirt, auf dem "Heckenbraunelle" steht. Um ihre Identität zu tarnen, hat sie sich eine Augenbinde mit Löchern drin umgebunden. Sie sieht aus wie ein Panzerknacker. Warum der unbekannte Held ausgerechnet den verschlagenen Kleiber gewählt hat, um seine Superhelden-Persönlichkeit nach ihm zu formen, ist bis heute nicht bekannt. Psychologen vermuten, dass er einfach ein bisschen hohl dreht.
Kleibermans phantastische Superkraft ist es, lebende Kleiber aus seinem Handgelenk zu schießen, von denen er hofft, dass sie seine Feinde angreifen oder zumindest kurzzeitig verwirren. Ein majestätischer Anblick. Dies ist natürlich keine tatsächliche Superkraft, sondern wird durch einen kraftvollen Federmechanismus erreicht, den Kleiberman unter seinem Ärmel versteckt. Um dieses improvisierte Kleibergewehr zu laden, ist Kleiberman auf einen stetigen Vorrat von lebenden Kleibern angewiesen, der dadurch sichergestellt ist, dass das zivile Alter Ego von Kleiberman 73 Lebendfallen für Singvögel in seinem Schrebergarten und auf dem Dach des Mehrfamilienhauses, in dem er wohnt, aufgestellt hat. Um den beträchtlichen Beifang zu vermeiden, experimentiert er gerade mit verschiedenen Ködern, um einen zu finden, der nur Kleiber anlockt. Eine Mischung aus Schwarzbrot, Vollwaschmittel und Urzeitkrebseiern zeigt erste ermutigende Resultate.
Heckenbraunellengirl besucht noch das Gymnasium und ist mit einem Notenschnitt von 3,8 definitiv der intellektuelle Kopf des Duos, was aber nichts nützt, da Kleiberman bereits in der Präambel der gemeinsam unterzeichneten Superheldenvereinbarung darauf besteht, die alleinige Befehlsgewalt zu haben. Kleiberman ist Bürokrat in vierter Generation und stolz darauf.
Da Kleiberman gute 30 Kilo Übergewicht hat und starker Raucher ist, ist vor allem der körperliche Aspekt der Gangsterjagd seine große Schwäche. Wenn er einem fliehenden Bösewicht hinterhereilt, würde er typischerweise Sätze wie "Vor meinen Augen tanzen bunte Kreise." und "Mein linker Arm ist taub." sagen. Das ist aber nicht so schlimm, da er zumindest gute Intentionen hat.
Kleibermans Erzfeind ist Doktor RWE, der mit seinem atomgetriebenen Windrad durch das Land fährt, um Schwärme von Zugvögeln zu schreddern, um so Werbung für eine Verlängerung der Restlaufzeiten zu machen. Rückhalt findet er damit besonders im kargen Brandenburg, wo ein 60 Meter hoher Rotor, der Schwäne zu einem klumpigen Brei verarbeitet, oftmals die einzige Attraktion darstellt, die die Menschen in einer Generation zu Gesicht bekommen.

Kleiberman. Er ist nicht der Superheld, den wir brauchen, aber wenn wir ehrlich mit uns selber sind, dann ist er der Superheld, den wir verdienen.

22. Mai 2014

Photos

Punktesystem:

Gewölbe:

Architekt:

Licht am Ende des Tunnels:

Anliegen:

14. Mai 2014

Einkaufszettel

Ich habe heute endlich mal wieder einen Einkaufszettel im Supermarkt gefunden. Er hat leider keine Seitenzahlen, daher weiß ich nicht, welche Seite die erste und welche die zweite ist. Das ist schade.

Ich hege die vage Vermutung, dass das hier die erste Seite ist, weil die Dinge bereits durchgestrichen sind. Ich schätze, sie wurden durchgestrichen, weil sie bereits eingekauft wurden.
 - 5-6 Kartoffeln. Vermutlich Beilage für 2 Personen. Dass nur dieser Artikel mit einem gelben Textmarker hervorgehoben wurde, deutet auf eine besondere Wichtigkeit hin.
 - Weintrauben. Hier hätte ich fast vermutet, dass der Einkäufer auch diesem Artikel eine zumindest grobe Anzahl beifügt, um nicht erst im Laden ins Grübeln zu kommen. Bei den Kartoffeln hatte er/sie ja schon alles richtig gemacht.
 - Joghurt. Auch hier eine unbestimmte Menge. Vielleicht hat er/sie einfach einen Blecheimer mitgebracht und selber geschöpft. Das hätte ich gerne gesehen. Und eigentlich würde ich so auch selber gerne Joghurt einkaufen. Und überhaupt sollte man einen Supermarkt eröffnen, in dem einfach alles in großen Fässern rumsteht und man sich die Dinge - Milch, Rohrzucker, Salamischeiben, Zahnpasta - selber mit einem Eimer oder einem Jutebeutel in der erwünschten Menge abschöpft und dann an der Kasse nach Gewicht bezahlt. Oder mit Flatrate-Einkaufen. Man zahlt einen festen Betrag und kann dann so viel mitnehmen, wie man selber tragen kann. Da sollte man natürlich nach den teureren Sachen gehen, damit es sich lohnt. Kaviar zum Beispiel. Oder Diamanten. Oder Diamanten aus Kaviar.
 - 1l Milch. 1 Liter ist die herkömmliche Packungsgröße, in der Milch verkauft wird. Da kann man nichts falsch machen.
 - geriebener Käse in der Packung. Hier geht der Kunde natürlich den bequemen Weg. Wenn man den Käse am Stück kauft und zu Hause selber reibt, hat man mehr Aufwand. Das Reiben selber zählt da wohl weniger, sondern vielmehr das Reinigen der Käsereibe, was besonders dann, wenn man keine Spülmaschine und keine Lust zum Abwaschen hat, sehr nervig ist, da man die Käsereibe dann eine Woche liegen lässt, so dass der Käse noch schön eintrocknet. Dann hilft nur einweichen und kräftig schrubben. Oder man kauft einfach den fertig geriebenen Käse in der Packung. In dem Zusammenhang muss ich selber einmal überprüfen, ob fertig geriebener Käse eigentlich vom Kilopreis teurer ist als der Käse am Stück. Intuitiv würde ich sagen, er ist teurer, weil ja mit dem Reiben ein zusätzlicher Verarbeitungsschritt dazu kommt, aber ich habe es tatsächlich noch nie verglichen, da ich Käse immer nach dem vorausgeplanten Gebrauch einkaufe. Das heißt, ich kaufe den geriebenen Käse zum Kochen oder Überbacken und den am Stück für aufs Brot und zum Naschen, wenn ich nachts 18 Folgen "Louie" am Stück gucke.
 - Brot. Hier handelt es sich um einen Klassiker. Vermutlich wusste der Einkäufer aus dem Gedächtnis, welche Sorte Brot er/sie kaufen wollte und schrieb es deshalb nicht explizit dazu.
 - 6 Bio-Eier. Die genaue Verwendung der Eier lässt sich hier nicht ableiten. Spiegelei, Kuchenteig, Eierlikör, ... Der Autor bleibt mysteriös.

Bei dieser Seite gehe ich davon aus, dass es sich um die zweite Seite handelt. Die Positionen sind noch nicht durchgestrichen, also wurden sie vermutlich noch nicht gekauft, als dieser Zettel verloren ging.
Sehr auffällig sind auch die alternierenden Schreibwerkzeuge, die offenbar bei der Erstellung dieser Liste verwendet wurden. Bleistift und Kugelschreiber, um nur zwei Beispiele zu nennen. Das scheint mir ein Hinweis darauf zu sein, dass die Artikel mit zeitlicher Distanz aufgeschrieben wurden, wobei die schreibende Person stets den Stift zur Hand nahm, der gerade verfügbar war.
 - Joghurts. Der Plural ist für mich ein starkes Indiz dafür, dass hiermit Joghurt in Portionsgröße gemeint ist, der üblicherweise in Plastikbechern verkauft wird. Eine genaue Menge wäre für den Einkaufenden sicher hilfreich gewesen, aber vielleicht wollte er/sie sich auch einfach überraschen lassen.
 - Somat Spezialsalz Geschirrspüler. Hier finde ich interessant, dass extra der Hinweis "Geschirrspüler" hinzugefügt wurde. Bei "Somat Spezialsalz" ist mir sofort klar, dass es sich um Spezialsalz für den Geschirrspüler handelt, da die Firma Somat nach meinem Wissen keine Spezialsalze für das Gerben von Tierfellen oder als Lecksalz für die Rehe des Waldes herstellt. Aber da kann ich mich auch täuschen.
 - Tomaten aromatisch. Hier sehe ich ein Problem. Ich muss zugeben, dass ich selber nie Tomaten kaufe, da ich die nicht mag, aber ich vermute, dass auf der Verpackung, in der Tomaten verkauft werden, keine objektive Einschätzung bezüglich des Aromas der Tomaten zu finden ist. Ich schließe nicht aus, dass auf der einen oder anderen Schale mit Tomaten das Versprechen "besonders aromatisch" oder etwas ähnliches zu finden ist, aber ich hätte als Kunde starke Bedenken und würde das vermutlich als Marketingspruch abtun, der keine ehrliche Auskunft über das tatsächliche Aroma darstellt.
 - Bananen. Jepp. Bananen.
 - Schlagsahne, Schmand, saure Sahne. Hier bin ich ein wenig hin und her gerissen. Kann es sein, dass der Einkäufer nur einen der drei Artikel erwerben möchte? Dass er/sie einfach eine kleine Auswahl von Milchprodukten als Gedankenstütze aufschrieb, mit dem festen Vorsatz, sich im Geschäft für einen Kandidaten zu entscheiden? Oder lag der Begehr hier tatsächlich auf einer leckeren Mischung aus Schlagsahne, Schmand und saurer Sahne, die man genüsslich bei einer neuen Folge "Grey's Anatomy" löffeln wollte?
Die Zwischenüberschrift "Aldi" deutet darauf hin, dass hier zwischen den Einkäufen der Laden gewechselt werden sollte. Der Zettel fand ich vor dem Famila-Laden, in dem vermutlich der Löwenanteil der Artikel auf dieser Liste erworben werden sollte. Nur für den letzten Artikel wollte man in den im selben Gebäude untergebrachten Aldi-Markt gehen.
 - Emmentaler. Tatsächlich weiß ich nicht, ob der Emmentaler von Aldi sich so stark von dem in anderen Geschäften abhebt, dass man nur dafür extra in einen anderen Laden geht. Diese Einkaufsliste ist ein Indiz dafür.

Was bleibt, ist die Frage, ob der Einkäufer nun alle begehrten Artikel erworben hat, oder ob er/sie ob des Verlustes dieses Zettels womöglich einige Dinge vergessen hat.

3. Mai 2014

Bilder des Frühlings

Rundumblüten:

Gans interessant:

Schattendasein:

Herausragend:

Wohin?

Seewärts:

Bankenkrise:

Hülse:

So scheint es:

So weit das Auge reicht:

Periskop: